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Herbert Marcuse
The One-Dimensional Man
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Auf ihrer fortgeschrittensten Stufe fungiert Herrschaft als Verwaltung, und in den überentwickelten Bereichen des Massenkonsums wird das verwaltete Leben das gute Leben des Ganzen, zu dessen Verteidigung die Gegensätze vereinigt werden. Das ist die reine Form der Herrschaft. Umgekehrt erscheint ihre Negation als die reine Form der Negation. Aller Inhalt scheint auf die eine abstrakte Forderung nach dem Ende der Herrschaft reduziert - das einzig wahrhaft revolutionäre Erfordernis und das Ereignis, das die Errungenschaften der indusriellen Zivilisation bestätigen würde. Angesichts ihrer wirksamen abschlägigen Beantwortung durch das System erscheint diese Negation in der politisch ohnmächtigen Form der "absoluten Weigerung" - eine Weigerung, die um so unvernünftiger erscheint, je mehr das bestehende System seine Produktivität entwickelt und die Last des Lebens erleichtert. Mit den Worten Maurice Blanchots:
"Was wir ablehnen, ist nicht ohne Wert oder Bedeutung. Eben deshalb bedarf es der Weigerung. Es gibt eine Vernunft, die wir nicht mehr akzeptieren; es gibt eine Erscheinung von Weisheit, die uns ins Schrecken versetzt; es gibt die Aufforderung zuzustimmen und sich zu versöhnen. Ein Bruch ist eingetreten. Wir sind zu einer Freizügigkeit verhalten, die das Mittun nicht mehr duldet."
Wenn aber der abstrakte Charakter der Weigerung das Ergebnis der totalen
Verdinglichung ist, dann muss der konkrete Grund für die Verweigerung
noch vorhanden sein; denn die Verdinglichung ist ein Schein. Aus dem nämlichen Grund
muss die Vereinigung der Gegensätze bei all ihrer Realität eine
scheinhafte Vereinigung sein, die weder den Widerspruch zwischen der wachsenden
Produktivität und ihrer repressiven Anwendung beseitigt noch das dringende Bedürfnis,
den Widerspruch zu lösen.
Aber der Kampf um die Lösung ist über die traditionellen Formen hinausgewachsen.
Die totalitären Tendenzen der eindimensionalen Gesellschaft machen die
traditionellen Mittel und Wege des Protests unwirksam - vielleicht sogar
gefährlich, weil sie an der Illusion der Volkssouveränität festhalten.
Diese Illusion enthält ein Stück Wahrheit: "das Volk", früher das Ferment
gesellschaftlicher Veränderung, ist "aufgestiegen", um zum Ferment gesellschaftlichen
Zusammenhalts zu werden. Eher hierin als in der Neuverteilung des Reichtums
und der Gleichstellung der Klassen besteht die neue, für die fortgeschrittene
Industriegesellschaft kennzeichnende Schichtung.
Unter der konservativen Volksbasis befindet sich jedoch das Substrat der Geächteten und Aussenseiter: die Ausgebeuteten und Verfolgten anderer Rassen und anderer Farben, die Arbeitslosen und die Arbeitsunfähigen. Sie existieren ausserhalb des demokratischen Prozesses; ihr Leben bedarf am unmittelbarsten und realsten der Abschaffung unerträglicher Verhältnisse und Institutionen. Damit ist ihre Opposition revolutionär, wenn auch nicht ihr Bewusstsein. Ihre Opposition trifft das System von aussen und wird deshalb nicht durch das System abgelenkt; sie ist eine elementare Kraft, die die Regeln des Spiels verletzt und es damit als ein aufgetakeltes Spiel enthüllt. Wenn sie sich zusammenrotten und auf die Strasse gehen, ohne Waffen, ohne Schutz, um die primitivsten Bürgerrechte zu fordern, wissen sie, dass sie Hunden, Steine und Bomben, dem Gefängnis, Konzentrationslagern, selbst dem Tod gegenüberstehen. Ihre Kraft steht hinter jeder politischen Demonstration für die Opfer von Gesetz und Ordnung. Die Tatsache, dass sie anfangen, sich zu weigern, das Spiel mitzuspielen, kann die Tatsache sein, die den Beginn des Endes einer Periode markiert.
Nichts deutet darauf hin, dass es ein gutes Ende sein wird. Die ökonomischen und technischen Kapazitäten der bestehenden Gesellschaften sind umfassend genug, um Schlichtungen und Zugeständnisse an die Benachteiligten zu gestatten, und ihre bewaffneten Streitkräfte hinreichend geübt und ausgerüstet, um mit Notsituationen fertig zu werden. Das Gespenst ist jedoch wieder da, innerhalb und ausserhalb der Grenzen der fortgeschrittenen Gesellschaften. Die sich leicht anbietende geschichtliche Parallele zu den Barbaren, die das Imperium der Zivilisation bedrohen, präjustiert den Tatbestand; die zweite Periode der Barberei kann durchaus das fortbestehende Imperium der Zivilisation sein. Aber es besteht die Chance, dass die geschichtlichen Extreme in dieser Periode wieder zusammentreffen: das fortgeschrittenste Bewusstsein der Menschheit und ihre ausgebeuteste Kraft. Aber das ist nichts als eine Chance. Die kritische Theorie der Gesellschaft besitzt keine Begriffe, die die Kluft zwischen dem Gegenwärtigen und seiner Zukunft überbrücken könnte; indem sie nichts verspricht und keinen Erfolgt zeigt, bleibt sie negativ. Damit will sie jenen die Treue halten, die ohne Hoffnung ihr Leben der Grossen Weigerung hingegeben haben und hingeben.
Zu Beginn der faschistischen Ära schrieb Walter Benjamin: Nur um
der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.